Interview: Der Mobilitätssektor steht vor einem dramatischen Wandel.

Interview mit Dirk Evenson: Der Mobilitätssektor steht an einem dramatischen Wendepunkt

Im folgenden Interview gibt Dirk Evenson Einblicke über die bevorstehenden Veränderungen im Mobilitätssektor. Dirk Evenson ist Direktor der Mobility World – dem Event auf der IAA PKW in Frankfurt, welches sich mit der Mobilität von morgen beschäftigt. Autonomes Fahren, vernetzte Fahrzeuge, E-Mobilität, urbane Mobilität und Mobilitätsservices werden hier gedacht, gelebt und veranschaulicht.

Dirk bringt mehr als 20 Jahre Erfahrung im Automobilbereich und Mobilitätssektor mit sich. Bevor er die New Mobility World als Direktor führte, bildete er viele Jahre lang die strategische Spitze des Kommunikationsteams innerhalb des VDA, war Partner und Geschäftsführer bei Scholz & Friends und beriet Kunden wie Daimler und (ehemals VW) gedas.

“Der Mobilitätssektor steht an einem dramatischen Wendepunkt –  und erwartet eine leuchtende Zukunft noch nie dagewesener Effizienz, Inklusivität, Sicherheit und Nachhaltigkeit.“

Im Laufe der Jahre erlebte Dirk die komplette Transformation der Industrie von Anfang bis heute und erlebte hautnah, wie Digitalisierung, Technologie und politische Entscheidungen auf eben jene Unternehmen und Visionäre einwirken, die die Zukunft der Mobilität maßgeblich beeinflussen und formen.

Fortbewegung in 20 Jahren – Wie sehen deine Zukunftsszenarien aus?

In Megacities werden die Grenzen zwischen motorisiertem Individualverkehr und öffentlichem Personennahverkehr zunehmend aufgehoben sein: mit einem integrierten, hocheffizienten und verlässlichen System kommen wir schneller und bequemer ans Ziel.

Gleichzeitig gewinnen wir Lebensraum zurück: weniger stehender Verkehr, weniger Lärm, kaum Emissionen und, last but not least: Verkehrstote gehören dann bald der Vergangenheit an. Wir gehen mehr zu Fuß und fahren mehr Fahrrad.

Spoiler alert: Auch 2037 werden wir uns noch nicht von A nach B beamen.

Welches Ziel verfolgt ihr mit der New Mobility World?

Die Mobilität von morgen entsteht nicht auf der grünen Wiese oder durch Erfindergeist allein: bestehende Infrastruktur (gebaut, rechtlich, digital) bedeutet asset und lock-in gleichermaßen. Wir brauchen die Vision und den Mut, Mobilität radikal neu zu denken. Wir brauchen aber auch die Weitsicht, neue Lösungen abwärtskompatibel zu denken. Sonst schaffen wir nur Insellösungen: hübsch, aber am Ziel vorbei.

Die New Mobility World ist der Ort, an dem beides zusammenkommt: einerseits die Macht der Idee, der Wille und die Ungeduld, welche dem Status quo den Kampf ansagen, andererseits die Kraft, die Erfahrung, der Markt, die Entscheider und Wegbereiter, die das Heute zum Asset und nicht zum Verhinderer von Morgen werden lassen. Die New Mobility World ist der Ort für das Ökosystem der Mobilität von morgen.

Wenn du 3 Wünsche frei hättest…

1. Ausbau und Schutz der Infrastruktur: nichts schafft mehr Wohlstand, nichts ist besser in öffentlichen Händen aufgehoben. Der digitale Reichtum fußt auf dem Gemeingut Internet.

2. Digitale Bildung für alle: Daten sind nicht nur Rohöl der Wirtschaft, sondern zunehmend auch Grundlage unseres Zusammenlebens, unserer Gesellschaft und Entscheidungsprozesse.

3. Zukunft statt Besitzstandswahrung: sichert nicht den Status quo, sondern ermöglicht den Fortschritt. Nur mit Fortschritt wird das Morgen besser als das Heute sein. Keiner will die Welt in Aspik. 

Welche ist –  in deinen Augen – die „bahnbrechendste“ Entwicklung im Bereich Mobilität?

Für einen Veteran der neuen Mobilität halte ich noch heute die Fahne hoch: Free Floating Carsharing ist schon acht Jahre alt, aber es hat aus einer Nische eine valide Alternative zum eigenen Fahrzeug und gleichzeitig eine sehr willkommene Ergänzung zum ÖPNV geschaffen.

Die New Mobility World positioniert sich klar „beyond automotive“ – Wie wichtig ist dir der interdisziplinäre Austausch?

“Beyond automotive” heißt: über das Auto hinaus, als Gleiche unter Gleichen. Nur so schaffen wir eine Plattform für das neue Ökosystem der Mobilität. Wenn wir Mobilität von morgen innerhalb der Koordinaten von heute denken, haben wir schon verloren. Unser background in der Automobilindustrie – welche selbst “beyond automotive” geht – gibt uns dabei Stärke, da wir einen wichtigen Player gleich an Bord haben.

Welches Unternehmen nimmt in deinen Augen die klare Vorreiterrolle im Bereich Future Mobility ein?

Den einen klaren Vorreiter sehe ich nicht. Das liegt auch in der Natur der Sache: die Mobilität von morgen braucht ein Ökosystem, bei dem öffentliche Hand und unternehmerische Initiative gemeinsam gedacht werden. In diesem Punkt unterscheidet sich die digitale Transformation der Mobilitätsbranche von der im Einzelhandel oder der Musikindustrie: letztere sind weitgehend privatwirtschaftliche Veranstaltungen.

Bild: New Mobility World / Marcus Höhn (alle Rechte vorbehalten)