Ride-Pooling in Deutschland - Robert Henrich von MOIA im Interview

Ride-Pooling in Deutschland: Interview mit Robert Henrich von MOIA

Robert Henrich ist einer der Geschäftsführer der Volkswagen Tochter MOIA, die in Hannover und bald auch in Hamburg App-basierte Ride-Sharing Dienst anbietet. In einem Interview beantwortet uns Robert Henrich einige Fragen.

Frage: Seit letztem Jahr seid ihr mit MOIA in Hannover aktiv. Das Angebot scheint gut anzukommen, auch auf Grund der geringen Kosten. Was waren für euch die Top 3 Learnings aus dem bisherigen Betrieb und wie wird es in Hannover nach der Testphase mit niedrigen Fahrpreisen weitergehen?

Robert Henrich: Unser Pooling-Service in Hannover wird sehr rege genutzt, sogar besser als wir das zunächst erwartet hätten. Angesichts der hohen Auslastung haben wir vor kurzem die Flotte aufgestockt, von 20 auf 35 Fahrzeuge. Gleichzeitig erhöhen wir nun sukzessive die Anzahl der Testnutzer von 2.000 auf bis zu 3.500 Personen.

Die Stadt scheint förmlich auf ein solches Angebot gewartet zu haben. Das hat natürlich auch mit dem Preis zu tun. Allerdings können wir im Rahmen der geschlossenen Testphase auch nicht mehr als sechs Cent pro Passagier nehmen, da wir noch keine Konzession haben. Das ist rechtlich nicht möglich. Klar ist, dass der betriebswirtschaftlich faire Preis im Regelbetrieb höher liegen und sich zwischen ÖPNV und Taxi einpendeln wird.

Zu deiner Frage nach den Learnings: Die Applikationen und der Algorithmus funktionieren, es geht jetzt noch um Feinjustierungen. Das Prinzip des Pooling beinhaltet, dass die Fahrgäste mit kleineren Umwegen rechnen müssen. Ein wichtiges Learning ist dabei, dass nicht jeder Umweg gleichermaßen akzeptiert wird. Wer sein Fahrtziel schon sieht, möchte ungern noch einmal abbiegen, um weitere Personen aufzunehmen, selbst wenn sich dadurch nur eine kurze Verzögerung ergibt.

Frage: In diesem Jahr ist ein Testbetrieb in Hamburg geplant, bevor es Anfang 2019 mit einem offenen und kommerziellen Dienst in der Hansestadt losgehen soll. Was wird Moia in Hamburg anders machen als in Hannover und wie hoch wird der Fahrpreis für den Kunden sein?

Unser Ziel ist es zunächst, noch in diesem Sommer den Regelbetrieb in Hannover aufzunehmen – vorbehaltlich der finalen Genehmigung durch die Stadt. Der Servicetest in Hannover ist ein wesentlicher Baustein für den Start in Hamburg. Hamburg ist die erste Stadt, in der wir dann mit unserer gesamten Wertschöpfungskette im Bereich des Ride-Pooling an den Start gehen.

Das beinhaltet unser speziell für diesen Zweck optimiertes, vollelektrisches Fahrzeug für bis zu sechs Personen. Der Innenraum ist hochwertig und wirklich großzügig gestaltet, mit freistehenden Sitzen, großer Beinfreiheit und genügend Platz, um jeden Sitzplatz bequem erreichen zu können. Es gibt ein schnelles WLAN und USB-Charging an jedem Platz. Unser Ziel ist, dass wir die ersten dieser Fahrzeuge noch Ende dieses Jahres auf der Straße haben. Ein genaues Timing und das finale Pricing können wir aber aktuell leider noch nicht nennen.

Frage: Die öffentliche Diskussion um Ride-Sharing Dienste geht im Moment in eine falsche Richtung – Argumente wie “Taxifahrer verlieren Geschäftsgrundlage”, “Ride-Sharing ist Konkurrenz zum ÖPNV”, usw., lenken vom eigentlichen Ziel ab. Ziel muss es doch sein sein, so viele Menschen wie möglich dazu zu bewegen, ihr Privat-Fahrzeug abzuschaffen und Shared-Mobility Angebote zu nutzen. Welchen inhaltlichen Beitrag will MOIA beisteuern, um die Diskussion in die richtige Richtung zu lenken?

In den vergangenen Wochen gab es in der Tat eine Debatte, deren Heftigkeit uns überrascht hat. Hier stand ja nicht nur MOIA im Fokus, sondern das gesamte Geschäftsmodell Ride-Pooling. Wir erklären uns das nur so, dass es viele Missverständnisse und Unwissen gibt. Wir haben auf unseren Kanälen dazu Stellung genommen, und nehmen jedes Gesprächsangebot an, um die Details zu erklären.

Städte, Politik und Verwaltung definieren die öffentlichen Verkehrsinteressen. Sie wollen angesichts überhöhter Emissionswerte  handeln und den Individualverkehr reduzieren. Das Mobilitätsangebot von MOIA ist dabei Teil der Lösung, denn es kann den Individualverkehr nachhaltig reduzieren, indem die bestehende Angebotslücke zwischen ÖPNV und Taxi geschlossen wird. Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als notwendige Ergänzung zu den bestehenden Angeboten.

Die Erfahrungen aus der Shareconomy zeigen ja bereits jetzt schon, dass ÖPNV und Taxi zukünftig mehr genutzt werden. Denn wer kein Auto hat, deckt seinen Mobilitätsbedarf über die Angebote verschiedener Anbieter. Eine gemeinsame kommunikative Stoßrichtung von ÖPNV, Taxi und Sharingangeboten ist notwendig und wäre wirklich wünschenswert, um die Bürger von der Verkehrswende zu überzeugen. Ein Kleinkrieg innerhalb des modalen Mixes einer Stadt bewirkt aber genau das Gegenteil.

Frage: Es wird ein Zukunftsbild gezeichnet, in dem mehr und mehr Menschen ihr eigenes Fahrzeug abschaffen und Alternativen wie Taxi, Ride-, Bike- oder Car-Sharing nutzen, um von A nach B zu kommen. Im Moment ist der Verzicht auf ein eigenes Auto aber meist mit Komforteinbußen verknüpft, so dass die Bereitschaft gering ist, das eigene Auto stehen zu lassen. Was ist aus Sicht von MOIA erforderlich, um diese Vision zu realisieren und welchen Beitrag wollt ihr zusätzlich zum Thema Ride-Sharing leisten?

Die Bereitschaft der Menschen, ihr Auto stehen zu lassen, ist ja vielfach bereits vorhanden. Es fehlt bislang nur am passenden Angebot, mit dem das eigene Auto verzichtbar wird. Mit MOIA schließen wir eine weitere Lücke im Modalmix der Stadt, die ÖPNV, Taxi und Services wie Car Sharing aktuell hinterlassen. Um als wirkliche Alternative zum eigenen Auto wahrgenommen zu werden, muss sich der Pooling-Service qualitativ am eigenen Auto orientieren und jederzeit und großflächig verfügbar sein. Um das in einer Großstadt wie Hamburg zu erreichen, ist eine entsprechende Skalierung unerlässlich.

Frage: Die neue Bundesregierung ist gerade erst gestartet und die Überarbeitung des PBefG ist prominenter als bisher im Koalitionsvertrag verankert. Welche drei konkreten Erwartungen hat MOIA an die Politik, wenn es darum geht, einen modernen rechtlichen Rahmen für die nächste Stufe der urbanen Mobilität zu schaffen?

Vorweg: Das PBefG ist eine wichtige Errungenschaft. Es regelt den Transport von Menschen in Deutschland und verhindert ruinöse Unterbietungswettkämpfe oder unlauteren Wettbewerb wie wir ihn etwa in den USA sehen. Allerdings verhindert das Gesetz in der derzeitigen Ausprägung auch sinnvolle neue Mobilitätskonzepte, mit denen die Verkehrswende gelingen kann. Kommunen, die diese Dienste aus Nachhaltigkeitserwägungen zulassen wollen, bleibt bislang kaum etwas anderes übrig, als sich über eine sogenannte Experimentierklausel zu behelfen. Für die Kommunen ist das viel Aufwand und für die Anbieter mit viel Rechtsunsicherheit behaftet, da man nicht weiß, wie es nach dem Experiment weitergeht. Das muss sich ändern und es gibt Signale, dass die Große Koalition sich dieses Themas annehmen wird.

Innovative Services wie MOIA sind umweltfreundlich und für mich unabdingbarer Bestandteil der Verkehrswende. Sie müssen als eigene Form des städtischen Linienverkehrs mit raftfahrzeugen anerkannt werden. Dabei ist unter anderem wichtig, dass die Rückkehrpflicht nicht auf gepoolte Angebote angewendet wird.

Vielen Dank für das Interview!

Bild: MOIA (alle Rechte vorbehalten)