NACHGEFRAGT bei Dr. Jan Schilling

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Für Dr. Jan Schilling steht fest: Wir brauchen mehr Mobilität und weniger Verkehr!

Seit 2017 ist Dr.Jan Schilling Geschäftsführer für den Bereich des Öffentlichen Personennahverkehrs im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Er studierte Rechtswissenschaften in Freiburg und Stuttgart. Danach übernahm Schilling viele Jahre die leitende Position für die Hauptgeschäftsführung des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), wo er zuvor als Referent für Energie, Klima und Strategie tätig war.

Mithilfe innovativer Technologien werden immer wieder neue Wege geebnet, um Menschen mehr Mobilität zu ermöglichen. Inwiefern neue Mobilitätsformen und bereits bestehende Verkehrsangebote voneinander profitieren können, sowie welche Aspekte genauer betrachtet werden sollten, schildert Schilling im Interview.

Herr Dr. Schilling, als Geschäftsführer für den Bereich des ÖPNV gelten Sie als Experte, was die Themen Mobilität und Verkehr angeht. In den Medien sprechen Sie sich für den Einsatz von Pooling-Systemen und autonomen Fahrzeugen im öffentlichen Verkehr aus.

Welche Regelungen müssten Ihrer Meinung nach in Kraft treten, um eine erfolgreiche Integration neuer Mobilitätskonzepte, wie z.B. Ridepooling im ÖPNV zu ermöglichen?

Ich bin mir gar nicht so sicher ob es an spezifischen Regelungen liegt, die Regelungslandschaft ist ja vielfältig und unterscheidet sich sehr ob wir über Ridepooling oder autonomes Fahren sprechen.

Wir erleben gerade eine sehr spannende Zeit was den Mobilitätssektor betrifft. Es verändert sich einiges  und es ist inzwischen jedem klar, dass es mit Blick auf Klimaschutz, Luftreinhaltung, das stetig wachsende Mobilitätsbedürfnis jedes Einzelnen nicht so weitergehen kann. Und der ÖPNV – dessen Kernkompetenzen ja schon seit über 100 Jahren die Themen Pooling und Sharing sind – hat da einiges an Lösungen für die Mobilität der Zukunft zu bieten

Dazu müssen wir aber die Kundenbedürfnisse stärker in den Fokus rücken und noch passgenauere und flexiblere Lösungen als bisher anbieten. Die Möglichkeiten der Digitalisierung und neuer Technologien bieten dafür erhebliche Chancen.

Wenn wir dadurch neue und kluge Angebote entwickeln, dann wird es den Verkehrsunternehmen auch gelingen, Autofahrer vom Umstieg oder zumindest von einer häufigeren ÖPNV-Nutzung zu überzeugen.

Gleichzeitig brauchen wir mehr Wahrheit bei den verursachten Kosten: CO2 und Luftverschmutzung und die Nutzung des öffentlichen Raums etwa zum Parken müssen einen realistischen Preis bekommen, der verursachergerecht ist. Sonst haben wir hier keinen fairen intermodalen Wettbewerb und der Umweltvorteil von ÖPNV und Pooling bietet kompetitiv gar keinen wirklichen Vorteil.

Daher brauchen wir vor allem eine Regulierung, die hin zu einem funktionierenden Gesamtsystem wirkt und das Thema Energie- aber auch Flächeneffizienz in den Fokus rückt. Das muss sich dann wie ein roter Faden durch die einzelnen Gesetze ziehen. Dann bekommen wir auch den Formen des Ridepooling und den Einsatz von Technologien wie dem autonomen Fahren, die nicht nur einzelnen Anbietern beim Rosinenpicken nutzen, sondern auch den Bürgern und der Umwelt.

Welche Rolle spielt ihrer Meinung nach künftig noch der private Pkw?

Eine deutlich untergeordnete. Wir brauchen mehr Mobilität und nicht mehr Verkehr!

In den Ballungsgebieten wird doch heute schon deutlich, dass das Auto keine Lösung mehr ist und es macht niemandem Spaß ständig im Stau zu stehen oder Parkplätze zu suchen.

Zudem sieht man ja, dass gerade für jüngere Leute das Auto auch kein Statussymbol mehr ist.

Klar werden wir manche überzeugte Autofahrer nicht dazu bringen, auf ihr eigenes Auto komplett zu verzichten. Und auch im ländlichen Raum ist es derzeit oft noch schwierig ohne eigenen PKW mobil zu sein.

Aber ich glaube die Bevölkerung ist auch dort im Kopf schon weiter als die Politik manchmal glaubt. Ein Beispiel: Wir sehen etwa beim Konzept des PlusBus, dass in kurzer Zeit enorme Fahrgastgewinne möglich sind. Hier werden im konkreten Einzelfall etwa im Landkreis Potsdam Mittelmark 30 % Fahrgastzuwächse in 2 Jahren erreicht. Das zeigt, dass die Bereitschaft da ist umzusteigen – wenn die Kunden ein gutes, qualitativ hochwertiges und sicheres Angebot bekommen.

Und wenn ich das jetzt mit den Chancen von Pooling und autonomen Fahrzeugen zusammendenke wird deutlich welches Entwicklungspotenzial darin steckt.

Wenn Sie auf ein konkretes Verkehrsmittel im ÖPNV verzichten könnten, welches wäre das und mit welcher Begründung?

Auf keines. Ich glaube alle haben ihre Berechtigung und ihre spezifischen Einsatzgebiete wo sie ihre individuellen Stärken ausspielen können. Nicht umsonst ist dieses Gesamtsystem seit vielen Jahrzehnten etabliert und wächst stetig: Wir haben ja nicht umsonst seit 21 Jahren jährlich steigende Fahrgastzahlen im deutschen ÖPNV und befördern täglich rund 20 Millionen Menschen. Aber trotzdem gibt es natürlich auch bei jedem Verkehrsmittel immer noch Verbesserungsmöglichkeiten. Das gilt übrigens nicht nur für den ÖPNV.

Wie stehen Sie zu Carsharing Serviceangeboten?

Auch Carsharing muss sich an den Zielen Klima, Umwelt und Effizienz messen lassen. Dabei zeigt die Praxis, dass stationsbasiertes Carsharing eine verkehrsentlastende Wirkung hat und damit zum Umwelt- und Klimaschutz beiträgt. Freefloating hat sich in den letzten Jahren zu einer sehr beliebten Carsharing-Betriebsform entwickelt. Allerdings erzeugt es nicht dieselben entlastenden Effekte wie stationsbasiertes Carsharing.

Schaut man sich die jüngsten Studien an werden die innovativen Free-floating-Angebote vor allem zusätzlich zum eigenen Auto genutzt – in den besonders sensiblen Innenstadtbereichen und Verdichtungsräumen. Also dort wo bereits ein gutes Angebot sowohl beim Taxi als auch im ÖPNV vorhanden ist und zum anderen zusätzlicher Verkehr vermieden werden soll. Das Versprechen, dass „Free-floating“ als digitales Geschäftsmodell einen Beitrag zu einem nachhaltigen, klima- und umweltgerechten Verkehr liefern kann, muss man also nochmal hinterfragen.

Inwiefern ist ein Ausbau von autonomen Fahrzeugen auf öffentlichen Straßen sinnvoll?

Beim Thema autonomer Fahrzeuge geht es um viel mehr als um das Erproben einer neuen Technologie. Für den ÖPNV ist das Thema ein „Game Changer“. Die Frage heißt also zugespitzt: Ist das automatisierte/autonome Fahren für den ÖPNV Teil einer positiven Zukunft oder gibt es den ÖPNV wie wir ihn heute kennen dann nicht mehr?

Die Beantwortung dieser Frage ist noch offen und wie unterschiedlich die Ergebnis sein können zeigt zum Beispiel die Megafon-Studie für den Raum Stuttgart, an der auch der VDV intensiv mitgewirkt hat. Die Ergebnisse zeigen, was möglich wäre, wenn man die Automatisierung als Chance für den Öffentlichen Verkehr zu nutzen weiß. Das optimale – aber zugegebenermaßen unwahrscheinliche – Szenario basiert auf der Annahme, dass der Straßenverkehr zu 100 Prozent durch eine autonome Ride-Sharing-Flotte ersetzt wird, also fahrerlose Minibusse, die ohne Haltestellen und fixe Routen ihre Kunden von Tür zu Tür bringen. In Verbindung mit einem leistungsstarken Schienenpersonennahverkehr, Straßenbahnen oder hochwertigen Bussystemen könnte der Straßenverkehr mit nur noch sieben Prozent der genutzten Fahrzeuge abgewickelt werden. Unter Umwelt-, Klimaschutz- oder auch städteplanerischen Aspekten bietet das enorme Chancen.

Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein, wenn Menschen lieber alleine im automatisierten Auto unterwegs sind und damit selbst lange Strecken komfortabel und günstig zurücklegen können – ohne sich den Innenraum mit anderen teilen zu wollen. Dann landet man auch schnell im Verkehrskollaps.

Im Ergebnis haben wir das als ÖPNV aber auch ein Stück weit selbst in der Hand – indem wir uns in dem Thema gut aufstellen und entsprechende Rahmensetzungen von der Politik einfordern.

Wie stellen Sie sich den öffentlichen Verkehr im Jahr 2030 vor?

Elektrischer, vernetzter, flexibler und mit dem ÖPNV, mit einem deutlich Anstieg im Modal-Split als Rückgrat eines starken Umweltverbundes im Zentrum.

Einfach: einen ÖPNV, der dem Kunden Spaß macht und durch den die Klimaschutzziele im Verkehr erreicht werden.

Die Zeiten für eine Wende in diese Richtung sind dabei so gut wie nie. Denn eines ist auch klar – ein Weiter-So kann es im Verkehrsbereich nicht geben – sonst können wir uns von den CO2-Minderungszielen gleich verabschieden. Wen das etwas fundierter interessiert, der kann sich gerne unter https://www.deutschland-mobil-2030.de/ informieren. Da haben wir im VDV die Entwicklung der Branche bis 2030 im Rahmen einer Szenarioanalyse mal dargelegt.

Bild (alle Rechte vorbehalten): Dr. Jan Schilling

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